Die Gesellschaft der staatlichen Pleitiers
Bereits im 4. Jahrhundert vor Christus kam es zum ersten dokumentierten Staatsbankrott. Damals vermochten griechische Stadtstaaten Gelder, die ihnen ein Tempel geliehen hatte, nicht mehr zurückzuzahlen. In den letzten 200 Jahren hat Griechenland weitere fünf Pleiten erlebt. Russland war in dieser Zeitspanne ebenfalls ganze fünf Mal zahlungsunfähig. In der Türkei und Portugal stehen sechs, in Ungarn sieben, in Deutschland acht und in Spanien sogar dreizehn Staatspleiten zu Buche.
England verursachte Europas ersten großen Staatsbankrott
Prominente Insolvente im Mittelalter und der frühen Neuzeit: England und Spanien.
Die englische Krone sorgte für den ersten großen Staatsbankrott in Europa. 1340 konnte der englische König Edward III. nach einer gescheiterten Frankreich-Invasion seine Schulden bei diversen italienischen Bankiers nicht mehr tilgen. 1672 stellte auch Karl II. aufgrund der enormen Außenstände die Zahlungen an die Gläubiger ein. Nach der Revolution von 1688 bildete sich in England ein durchaus erfolgreicher Anleihenmarkt heraus, welcher von sogenannten „Consols“ (ewige britische Staatsanleihen) geprägt war. Wobei dieser sehr liquide Markt kriegsbedingt ebenfalls von sehr starken Schwankungen begleitet wurde.
Ein wesentlicher Faktor, warum in der Vergangenheit das Vertrauen in die Finanzkraft anderer Staaten schon des Öfteren wankte, war eine stark steigende Geldmenge. So machten die Spanier im 16. Jahrhundert erste negative Erfahrungen mit dieser Thematik. Damals war Silber, welches im ehemaligen Inkareich abgebaut und importiert wurde, ein von der Regierung häufig verwendetes Zahlungsmittel. Große Flotten von bis zu 100 Schiffen brachten das Edelmetall auf das spanische Festland. Die Könige ließen für ihre Eroberungskriege derart viel Silber fördern, dass es dramatisch an Wert verlor bzw. enorm an Kaufkraft einbüßte.
Die Finanzprobleme Spaniens
Spanien hatte im 16. und 17. Jahrhundert durchgängig ein mehr oder weniger großes Finanzproblem. Die Zahlungen an Gläubiger wurden in diesem Zeitraum neun Mal ganz oder teilweise eingestellt. Die Finanzgebarung war eine einzige Katastrophe. Von 1556 bis 1598 saß Philipp II. von Spanien am Ruder der Macht. Unter ihm waren bis zu 90 Prozent des Staatshaushaltes für Militärausgaben reserviert.
Generell ist festzuhalten, dass sich Staaten in der Neuzeit immer wieder hoch verschuldet haben. In erster Linie dienten diese Defizite als Kriegsfinanzierung oder für das aufwändige Leben des jeweiligen Herrschers.
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Als Deutschland zahlungsunfähig wurde
Deutschland war beispielsweise 1923 zahlungsunfähig. Die Ausgangspunkte für diesen Bankrott finden sich in sehr hohen Reparationszahlungen nach dem 1. Weltkrieg sowie in einer ungenügenden Besteuerung (höhere Einkommensschichten weigerten sich, die ihnen auferlegten Steuern zu bezahlen) und in übermäßigen Ausgaben für den öffentlichen Dienst wieder. Dies mündete in einer galoppierenden Inflation, zumal führende Politiker damals keinen Anlass sahen, die Geld- und Steuerpolitik zu stabilisieren. Um einen Einkauf zu erledigen, trugen die Bürger Millionen von Reichsmark in Schachteln mit sich herum. Als Notlösung kam es zur Auflage der Rentenmark. Wie bei jeder Geldentwertung profitierten auch damals grundsätzlich die Schuldner, während die Sparer fast vollständig auf der Strecke blieben.
Asienkrise machte Russland zahlungsunfähig
Im Zuge der Asienkrise 1997 kam Russland in Bedrängnis. Der stark gefallene Ölpreis brachte die Staatseinnahmen gehörig unter Druck. Die Auswirkungen der Asienkrise ließen Anleger damals befürchten, dass sich die Lage in Russland ähnlich entwickeln könnte, wie in den wirtschaftlichen Problemzonen Thailand, Malaysia, Indonesien und den Philippinen. Daraufhin kam es zu einem gewaltigen Kapitalabfluss und schließlich konnte Russland mehr als 40 Milliarden US-Dollar Schulden nicht mehr bedienen – der Rubel wurde um über 70 Prozent abgewertet.
Wie Argentinien in die Pleite schlitterte
Argentinien ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein Land durch wirtschaftspolitisches Missmanagement in Schwierigkeiten kommen kann. Noch 1913 gehörte das südamerikanische Land zu den zehn reichsten Ländern der Welt. Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts war die Wirtschaft zeitweise schneller gewachsen als in den USA oder Deutschland.
Ab 1945 hinkte Argentinien vielen anderen Ländern hinterher, so Spittaler. Der Hauptgrund lag in einer fast stetig hohen, hausgemachten Inflation von 1945 bis 1990 mit ihrem Höhepunkt von 5.000 Prozent im Jahr 1989. 1991 gab es in Argentinien mit dem neuen „Peso Convertible“ die sechste Währungsreform innerhalb von 100 Jahren. Auch diese Umschichtungsaktion war letztlich zum Scheitern verurteilt, da die Auslandsschulden in den 90er Jahren aufgrund der mangelhaften Haushaltspolitik immer stärker anstiegen, bis sich der Internationale Währungsfonds Ende 2001 weigerte, weitere Hilfsleistungen zur Verfügung zu stellen. Daraufhin kam es zu Zahlungseinstellungen. Ein Großteil der Gläubiger gab sich, wohl oder übel, mit einem Umtausch zufrieden, der ihr Vermögen um 67 Prozent beschnitt (im Fachjargon bezeichnet man diese Maßnahme als „Haircut“).
Was Sie bei der Bonität beachten sollten
Um einen Eindruck von der Bonität eines Landes zu erhalten, ist es unabdingbar, mehrere Bereiche genau zu durchleuchten. Historisch betrachtet, spielte die Zinsbelastung für einen Staatshaushalt schon immer eine bedeutende Rolle. In Bezug auf die Bonität müssen sowohl die Schulden als auch die Financial Assets (beispielsweise die Devisenreserven) unter die Lupe genommen werden. Entscheidend ist der Saldo aus beiden Kennzahlen. Wichtiger als die Gesamt-Einnahmen eines Staates ist die Teilmenge der Steuereinnahmen. Bei den restlichen Einkünften handelt es sich um variable Beträge (unter anderem Beamtenbeiträge für die Sozialversicherung oder um einmalige Verkäufe von Staatsbesitz).
Ab 25 Prozent Zinsbelastung der Steuereinnahmen wird es gefährlich
Historisch verhält es sich so, dass es Regierungen in etwa ab einer Zinsbelastung in Höhe von 25 Prozent der Steuereinnahmen (aufwärts) schwer haben, ein vernünftiges Budget aufzustellen. Ab einem Wert von 90 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP) aus dem Saldo der Verschuldung und den Financial Assets wachsen die Risiken enorm an, vor allem dann, wenn die Refinanzierungsbasis (die Zinsen) steigt.
| 2009 in Millionen Euro |
Ein- nahmen |
davon Steuern |
Zins- be- lastung |
Finanz-aktiva |
Schulden | Saldo | Defizit |
| Griechenland | 87.546 | 45.851 | 11.811 | 75.757 | 282.556 | 206.799 | 32.342 |
| Spanien | 365.019 | 196.940 | 18.828 | 291.543 | 657.509 | 365.966 | 117.630 |
| Italien | 709.135 | 441.858 | 70.163 | 421.688 | 1.956.973 | 1.535.285 | 80.800 |
| UK* | 654.334 | 448.790 | 31.210 | 498.815 | 1.208.520 | 709.705 | 186.347 |
| Deutschland | 1.065.950 | 567.390 | 63.530 | 670.557 | 1.832.499 | 1.161.942 | 79.410 |
| Irland | 55.820 | 35.130 | 3.444 | 70.405 | 114.928 | 44.523 | 23.350 |
| Österreich | 133.308 | 75.694 | 7.550 | 91.872 | 194.936 | 103.064 | 9.496 |
Quelle Zahlen: Eurostat, Tabelle: Schoellerbank
* GBP umgerechnet mit EUR 0,86
In Europa sehen wir derzeit eine „Sozialisierung“ der Staatsschulden, so Spittaler. Vergleichsweise finanzstarke Euro-Länder bürgen für die Staatsschulden anderer Euro-Mitglieder, um die Währung wieder zu stabilisieren. Kurzfristig erscheint diese Maßnahme durchaus sinnvoll und richtig zu sein.
Langfristig hingegen werden dadurch (im Falle von fließenden Geldern) höhere Verschuldungsquoten produziert, die entweder durch eine höheres Wirtschaftswachstum (ist derzeit nicht in Sicht), eine Anhebung der Steuern (ist in Griechenland schon Tatsache), Inflation (ist derzeit noch kein Thema), eine Währungsreform (Vermögensstreuung wird daher immer wichtiger) oder einen „Haircut“ (dann trifft es sehr stark die Gläubiger) rückgeführt werden müssen.
Es wird daher für den Anleger in Zukunft unabdingbar sein, jeden einzelnen Schuldner genauestens zu durchleuchten (auch die von den Rating-Agenturen als erstklassig eingestuften Schuldner gilt es, auf Herz und Nieren zu prüfen) und die Kapitalbindungsdauer im Anleihenbereich tendenziell eher zu verkürzen, rät Spittaler.
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