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Druck auf Verkaufstasten

Ist Ungarn das nächste Griechenland?

08.06.2010
Von Erwin J. Frasl
Biallo.at sprach mit Dipl.-Volkswirt Stephan Csaba Imre von der Österreichische Volksbanken-Aktiengesellschaft über übertriebene und tatsächliche Schwierigkeiten Ungarns, der Landeswährung Forint und die Folgen für den Euro.
Ungarn-Forint-Währung-Euro-Griechenland-Stephan Csaba Imre-Internationalen Währungsfonds-Budgetdefizit-IWF-EU-Europäische Union-Eurokrise-Verschuldungsrate-Staatsfinanzen
Biallo.at: Ungarn hat sich und seine Probleme selbst mit Griechenland verglichen. Unterscheiden sich die Schwierigkeiten Ungarns nun von Griechenland wirklich? Und wenn, wo liegen die Unterschiede?

Stephan Csaba Imre: Den offiziellen Statistiken zufolge erfüllte Ungarn im vergangenen Jahr die mit dem Internationalen Währungsfonds abgestimmten Ziele und hatte ein staatliches Budgetdefizit von - 4,0 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu verzeichnen, eines der niedrigsten in der gesamten EU, während Griechenland mit - 13,6 Prozent des BIP weit schlechter abschnitt. Auch die am BIP gemessene staatliche Verschuldungsrate liegt mit knapp 80 Prozent deutlich unter den 125 Prozent Griechenlands. Die nackten Zahlen betrachtet, hinkt demnach der Vergleich und fällt in die Kategorie eines innenpolitisch motivierten Kommunikationsfehlers. Nichtsdestotrotz veranlassten die Aussagen zweier führender FIDESZ-Politiker von Ende letzter Woche einige Marktschwergewichte dazu, die Verkaufstaste zu betätigen und setzten den ungarischen Vermögenswerten schwer zu. Die Marktteilnehmer signalisieren so unmissverständlich, dass sie nun Taten der neuen ungarischen Regierung erwarten. In einem Umfeld ohnehin hoch nervöser Märkte befindet sich das Land in einer wirtschaftspolitischen Übergangsphase, die naturgemäß von einer erhöhten Unsicherheit, insbesondere in Bezug auf die tatsächliche Verfassung der Staatsfinanzen begleitet wird.

Biallo.at: Ungarn hat ja schon Finanzhilfe von der EU und vom Internationalen Währungsfonds erhalten – reicht das nicht?

Imre: Doch, davon ist auszugehen. Nur mithilfe eines 20 Milliarden US-Dollar schweren, Last-Minute-Rettungspaketes der internationalen Gebergemeinschaft konnte Ende 2008 die Zahlungsunfähigkeit des bereits vor der internationalen Finanzkrise schwer angeschlagenen ungarischen Staates abgewendet werden. Als Ergebnis seines Sparkurses gelang es Ungarn jedoch das Vertrauen der Marktteilnehmer sukzessive wieder herzustellen und sich seit gut einem Jahr wieder über den Kapitalmarkt zu finanzieren. Dies führte dazu, dass die Vorgängerregierung die letzten Tranchen des Rettungskredites erst gar nicht in Anspruch nehmen musste und zumindest auf mittlere Sicht ein beruhigender Rettungsschirm vorhanden bleibt. Was also Griechenland in den kommenden zwei Jahren noch bevorsteht, ist in Ungarn bereits erfolgreich bewerkstelligt worden.

Biallo.at: Warum drückt jetzt Ungarn den Eurokurs nach unten?

Imre: Der ungarische Forint hat an sich nicht die Marktmacht, die Gemeinschaftswährung, die sie übrigens noch gar nicht eingeführt hat, zu bewegen. Vielmehr war der Kommunikations-Lapsus des EU-Mitgliedes Ungarn der generellen Stimmung wenig zuträglich und hat in erster Linie den lokalen Markt erschüttert. Da die FIDESZ-Regierung in den vergangenen zwei Tagen bereits erfolgreich zurückruderte, indem sie ihr Commitment in puncto Fiskaldisziplin erneut beteuerte, befindet sich der Forint bereits wieder auf einem graduellen Erholungskurs. Die fundamentalwirtschaftlichen Faktoren, welche in Zeiten günstigerer Marktstimmung wieder in den Vordergrund zu rücken pflegen, sprechen derzeit für den Forint.

Biallo.at: Im Zusammenhang mit Griechenland und der Eurokrise war aus der Sicht von einigen Kritikern die gemeinsame Währung der Eurozone das Übel, denn mit einer nationalen Währung Griechenlands hätte diese abgewertet werden können. Die Ungarn sind hier noch frei. Sie können ihren Forint abwerten und so eventuell einen Teil ihrer wirtschaftlichen Probleme lösen. Oder hilft eine Abwertung des Forint auch nichts?

Imre: Diese Argumentation bedarf einer Differenzierung. Grundsätzlich hilft die Abwertung einer Lokalwährung unter anderem die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Exportindustrie zu verbessern. In dieser Hinsicht befördert ein schwächerer Forint-Wechselkurs gegenüber dem Euro die Exporte, welche in die Eurozone gehen. Dies ist derzeit Ungarn besonders zuträglich, denn das Land ist gerade im Begriff, sich über seine Exportindustrie aus der Rezession zu kämpfen. Demgegenüber belastet ein schwacher Forint den in Fremdwährungskrediten hochverschuldeten Privatsektor, unterdrückt die Erholung der Binnennachfrage. Noch stärker als ohnehin schon steigende Kreditausfallsraten stellten zudem ein erhebliches Risiko für den Bankensektor dar. Die Bedienung der überdurchschnittlich hohen Auslandsschulden des ungarischen Fiskus wird schließlich auch noch teurer. Daher ist die richtige Balance gefragt.

Biallo.at: Wie sollen und können die Ungarn ihre Krise lösen?

Imre: Die ungarische Regierung – ausgestattet mit einer Verfassungsmehrheit im Parlament – muss nun den Vertrauensvorschuss, den sie von den Märkten erhalten hat, rechtfertigen. Da derzeit alle Augen auf die Verfassung der öffentlichen Finanzen gerichtet sind, erwarten die Märkte die Einhaltung des ursprünglichen, - 3,8 prozentigen Budgetdefizitziels für 2010, wobei aber angesichts des im EU-Vergleich niedrigen Niveaus auch moderate Abweichungen in Abstimmung mit der EU und dem IWF als tolerabel gelten. In Einklang mit dem Analystenkonsens erscheint uns daher ein neu verhandeltes Defizitziel in Höhe von etwa - 5,5 Prozent, immer noch unterdurchschnittlich, akzeptabel zu sein. Die kommenden Tage und Wochen sind daher von besonderer Bedeutung, denn die Regierung gibt ihren wirtschaftspolitischen Aktionsplan bekannt, einschließlich ihrer Einsichten über die wahre Verfassung der von der Vorgängerregierung übernommenen Staatskassen.

Stephan Csaba Imre

... studierte Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, bevor er bei der nach Budapest ausgelagerten Research-Einheit der DZ Bank AG Investment-Banking Research Analyst wurde. Aufbauend auf den fruchtbaren Erfahrungen vor Ort und seinen fundierten regionalen Kenntnissen ist er nun im zentralen Research der OEVAG zuständig für die Analyse der mittel, ost- (CEE) und südosteuropäischen (SEE) Volkswirtschaften und Finanzmärkte.

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