06.09.2010
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Im Interview Stöferle zu Gold-Investments

China gilt als Goldmarkt der Zukunft

Von Wolfgang Thomas Walter
Im Biallo.at-Interview: Rohstoffexperte Stöferle zum boomenden Goldmarkt China und aktuellen Hintergründen rund um den Mythos Gold.
Rohstoffexperte Ronald-Peter Stöferle “Gold is money, everything else is credit“ Finanzportal Biallo.at
Biallo.at: Der chinesische Goldmarkt boomt weiterhin, China gilt bei vielen sogar als Goldmarkt der Zukunft. Was haben Investoren hier zu erwarten? Wo sehen Sie Chancen und Risiken?


Stöferle: Gold hat in China eine jahrhundertelange Tradition. Bereits im Jahre 1.024 n.Chr. brachte man in China offizielle, staatliche Banknoten in Umlauf, die durch kaiserliches Gold und Silber gedeckt waren und sich im 12. Jahrhundert als anerkannte und stabile Währung weit über die Landesgrenzen hinweg etablierten. Mao Tse Tung verbot im Jahre 1949 den privaten Goldbesitz, bis 2003 war das Verbot aufrecht. Nicht nur die chinesische Notenbank, sondern auch Privatpersonen befinden sich seitdem auf der Käuferseite und haben den Goldbullenmarkt maßgeblich geprägt. War China 2002 noch für fünf Prozent des gesamten Weltbedarfs an Gold verantwortlich, so sind es heute knapp zwölf Prozent. Mittlerweile wird bereits in Werbespots im öffentlichen Fernsehen empfohlen, physisches Gold und Silber zu kaufen. Die Nachfrage in China liegt derzeit bei lediglich 0,26 Gramm pro Kopf. Innerhalb der letzten fünf Jahre stieg sie im Schnitt um 13 Prozent pro Jahr. In den USA oder Japan liegt der Pro-Kopf Verbrauch bei etwa ein Gramm pro Jahr. Würden die 1,3 Mrd. Chinesen nur ein Gramm Gold kaufen, so wären dies 1.300 Tonnen und mehr als die halbe Jahresproduktion.

Dass China in Zukunft weiter massiv zukaufen wird, steht jedoch fest. Das belegen zahlreiche Aussagen honoriger Repräsentanten der Volksrepublik. Erfahrungsgemäß werden solche Aussagen mit der Staats- und Parteiführung akkordiert. Ji Xianonan, Chef der chinesischen Finanzaufsicht, schlug unlängst vor, dass China’s Goldreserven innerhalb der nächsten 3-5 Jahre auf 6.000 Tonnen gesteigert werden sollten. In den nächsten zehn Jahren wolle man 10.000 Tonnen Gold besitzen. Demnach müsste China bis 2020 jährlich knapp 40 Prozent der Jahresproduktion aufkaufen.

Dies bemerkte auch Cheng Siwei, hochrangiger wirtschafspolitischer Repräsentant der Volksrepublik. “Gold is definitely an alternative, but when we buy, the price goes up. We have to do it carefully so as not stimulate the market…China is buying the dips”39. Diese Aussagen passen in das aktuelle Chartbild von Gold, China kauft antizyklisch in fallenden Phasen. Der Leiter des Wirtschaftsausschusses der KP hat ebenfalls medienwirksam empfohlen, mehr Gold zu kaufen.

Im September 2009 gab China bekannt, die in Yuan denominierten Staatsanleihen nun auch internationalen Investoren anbieten zu wollen. Sollte à la longue die Konvertibilität des Yuan erreicht werden, so wäre dies ein großer Schritt in Richtung neuer Weltleitwährung. Dies zeigt ganz klar, dass sich China währungspolitisch auf die „Post-Dollar“ Ära vorbereitet. Gold spielt in den Planungen eine zentrale Rolle.

Die Unterschiede zum letzten Bullenmarkt

Biallo.at: Vergleicht man den derzeitigen Bullenmarkt, sehen viele Experten Unterschiede beispielsweise zu den „goldenen“ Zeiten in den 70er Jahren. Wo liegen hier Ihrer Meinung nach aktuell die entscheidenden Unterschiede?

Stöferle: Im Vergleich zum letzten Bullenmarkt der 70er Jahre gibt es zahlreiche gravierende Unterschiede. Damals waren Emerging Markets wirtschaftlich unbedeutend, die Kaufkraft war deutlich geringer. Die Goldnachfrage kam in erster Linie aus Industrienationen. Die chinesische Mittelschicht, die mittlerweile auf knapp 100 Millionen Menschen angewachsen ist, durfte am letzten Bullenmarkt nicht teilnehmen, der private Goldbesitz war bis vor wenigen Jahren verboten. Und sicherlich der wichtigste Punkt: Eine starke Anhebung des Zinsniveaus (ähnlich wie Anfang 1980) ist de facto unmöglich.

Zahlreiche Punkte erinnern aber auch stark an den letzten großen Bullenmarkt in den 70er Jahren. Ähnlich wie in der letzten Dekade (damals waren es knapp 5.000 Tonnen) wurde auch vor dem letzten Bullenmarkt (insesondere von 1961-1972) seitens der Notenbanken massiv verkauft. Historisch hat jeder Reflations-Zyklus zu einer weiteren Asset-Blase geführt, in den 70er Jahren waren es Rohstoffe. Vieles deutet darauf hin, dass wir vor einer ähnlichen Entwicklung wie 1974 stehen könnten. Kräftige Angebotsverknappungen, wachsende Risikoaversion, fehlendes Vertrauen in Papiergeldwährungen, stark steigende Geldmengen und – früher oder später – eine Erholung des globalen Wirtschaftswachstums könnten zu einer ähnlich impulsiven Entwicklung führen. Zudem geht es der Minenindustrie zwar besser, die Margen sind jedoch nach wie vor nicht sehr hoch und die Grenzkosten liegen teilweise gefährlich nahe am Spot-Goldpreis. Derzeit dürfte jedoch auch bei den westlichen Notenbanken ein Umdenken stattfinden, die Zeit der großen Verkäufe ist definitiv vorüber, während die Notenbanken in den Emerging Markets weiter zukaufen. Der Anstieg mit dem größten Momentum stünde uns also unmittelbar bevor. Im Zuge dessen erwarten wir das Erreichen unseres langfristigen Kursziels von USD 2.300 je Unze. Der Bullenmarkt der 70er Jahre ließ Gold um den Faktor 24 steigen. Auf den aktuellen Bullenmarkt umgemünzt, würde dies ein Kursziel von USD 6.000 bedeuten.

Viele Leute fragen mich auch wieso gerade das inflationsbereinigte Allzeithoch bei USD 2.300 mein Kursziel darstellt. Ganz einfach: Während der Goldpreis Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre bei bis zu 850 USD notierte, lag das durchschnittliche amerikanische Haushaltseinkommen bei rund 17.000 USD/Jahr. Heutzutage würde ein vierköpfiger Haushalt mit einem Jahreseinkommen von USD 17.000 bereits weit unter der Armutsgrenze leben. Auch die Verschuldung der amerikanischen Haushalte hat sich innerhalb der letzten Dekaden dramatisch ausgeweitet. Während die Privathaushalte 1987 noch mit USD 10 Billionen verschuldet waren, so liegt der Schuldenstand der US-Haushalte heute bei USD 28 Billionen. Somit ist ein nominaler Vergleich der Goldpreise auf Dekaden zurück nur bedingt sinnvoll, weshalb unser Ziel beim inflationsbereinigten Allzeithoch von USD 2.300 liegt.

Die Zentralbanken und ihr „Verhältnis“ zum Gold

Biallo.at: Das zwiespältige Bild der aktuellen US-Wirtschaft aber auch viele weitere geopolitische Risiken – etwa in Afghanistan oder Nord- und Südkorea – bewegen die Weltwirtschaft. Kann bzw. wird sich dies nachhaltig auf den Goldpreis auswirken?

Stöferle: Definitiv. Die zahlreichen geopolitischen Risiken sind ein starkes Argument. Die schwelenden Konflikte in Pakistan, Iran, Afghanistan, die Spannungen zwischen Nord- und Südkorea, Terror-Gefahren etc. sprechen für den klassischen sicheren Hafen Gold. Meiner Meinung nach wird die Wahrscheinlichkeit einer Intervention im Iran derzeit unterschätzt. Wenn man sich genauer mit der Thematik beschäftigt, so spricht vieles dafür, dass ein Militärschlag nur noch eine Frage der Zeit ist. Hier sehe ich das größte Risiko.

Biallo.at: Mittlerweile haben auch die Zentralbanken ihr „Verhältnis“ zum Gold überdacht. Positiv, negativ oder schlicht notwendig?

Stöferle: Richtig, 2009 fand eine der dramatischsten Trendwenden der letzten Jahrzehnte statt: Zentralbanken waren erstmals seit 1988 Jahre Nettokäufer von Gold. Insgesamt wurden knapp 400 Tonnen gekauft. Darin sind auch die Käufe Chinas inkludiert. Nachdem Zentralbanken keine Goldhändler sind, sondern langfristig engagierte Investoren, war dies ein klarer Trendbruch. Für 2010 und darüber hinaus gehen wir davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzt.

Biallo.at: Welche Bedeutung werden Rohstoffe für Institutionelle Investoren in den kommenden Jahren haben?

Stöferle: Unserer Meinung nach befinden wir uns gerade am Übergang von Phase 2 zu Phase 3. Gold gewinnt als Investment immer mehr an Akzeptanz. Investoren wie Paul Tudor Jones, John Paulson und David Einhorn melden öffentlich Goldkäufe, die Handelsvolumina nehmen zu, zahlreiche neue Produkte werden lanciert. Zudem gewinnt Gold auch in Asset-Allocations institutioneller Investoren immer mehr an Bedeutung. Wir denken, dass das Überschreiten der „magischen“ USD 1.000 bzw. EUR 1.000 je Unze, das Signal für den baldigen Beginn der Trendbeschleunigungsphase bedeutet. Ähnliches war auch beim Überschreiten bei Rohöl bei USD 100 je Barrel der Fall.

Foto: colourbox.com ID:972