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Erich Fenninger, Geschäftsführer der Volkshilfe Österreich

"Beruf und Pflege müssen vereinbar sein"

18.06.2012
Von Susanne Kritzer
In Österreich leben rund 600.000 hilfs- und pflegebedürftige Menschen. Die Zahl wächst stetig. Dennoch ist das Pflegerisiko für Herrn und Frau Österreicher schon jetzt nicht ausreichend abgedeckt. biallo.at sprach mit Erich Fenninger, Bundesgeschäftsführer der Volkshilfe und Teresa Kurzbauer, Pflegewissenschafterin und Projektleiterin bei der Volkshilfe über konkrete Unterstützung Pflegebedürftiger, die schwierige Situation von Angehörigen und Forderungen an die Politik.
Erich Fenninger, Geschäftsführer der Volkshilfe Österreich
Fenninger, Geschäftsführer der Volkshilfe Österreich
biallo.at: Die Volkshilfe hat sich neben der Armutsbekämpfung vor allem auf das Thema Pflege spezialisiert. Welche Aktivitäten setzt die Volkshilfe in diesem Bereich?

Erich Fenninger: Es ist eine Mischung aus konkreter Hilfeleistung, der weiteren Sensibilisierung der Gesellschaft für das Thema Pflege und das Aufmerksammachen auf wichtige Anliegen.

biallo.at: Wie sieht die konkrete Hilfe der Volkshilfe aus?

Teresa Kurzbauer: Wir haben im Pflegebereich verschiedene Projekte. Eine Unterstützung, die wir im Rahmen der BAG, der Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt, anbieten, zielt darauf ab, sowohl Pflegebedürftige als auch ihr Angehörigen zu unterstützen. Die BAG ist ein Zusammenschluss der Volkshilfe gemeinsam mit vier weiteren Trägerorganisationen, die seit 1995 daran arbeiten, gemeinsam sozialpolitische Anliegen zu verbessern.

biallo.at: Welche Unterstützung wird in diesem Rahmen geleistet?

Kurzbauer: Viele Menschen werden sehr plötzlich damit konfrontiert, einen Pflegefall in der Familie zu haben und besitzen zu diesem Zeitpunkt noch zu wenig Informationen darüber, wo man welche Hilfe bekommt und welche Anträge man bei welchen Behörden stellen muss. Die psychische Belastung für Angehörige ist in diesen Momenten besonders groß. In den Bundesländern sind es die fünf Trägerorganisationen des BAG, die informieren und Fachkräfte schicken, welche den jeweiligen Pflegebedarf ermitteln. In Wien hat der Fonds Soziales Wien in jedem Bezirk eine eigene Beratungsstelle. Je nach ermitteltem Bedarf werden diplomierte Krankenpfleger oder Heimhilfen zur Verfügung gestellt. Auch die Notwendigkeit der Intensität einer Betreuung wird festgestellt. Nicht jeder benötigt eine 24 Stunden-Hilfe. Das Angebot reicht beispielsweise von Essen auf Rädern, über stundenweise Pflege zuhause bis hin zur Betreuung in Tageszentren.

biallo.at: Seit März diesen Jahres gibt es bei der Volkshilfe zusätzlich ein neues Projekt, das sich besonders um Demenzerkrankte und deren Angehörige kümmert. Worum geht es dabei?

Kurzbauer: In Österreich leiden Schätzungen zufolge 200.000 Menschen an Demenz, Tendenz steigend. Seit März können Betroffene und ihre Angehörigen bei einer der Landesorganisationen der Volkshilfe um eine einmalige finanzielle Unterstützung in der Höhe von 750 Euro ansuchen. Damit können Hilfsmittel oder zusätzliche Betreuungsstunden finanziert werden. Weiters bieten wir Präventions- und Bildungsprojekt für ältere Menschen, Tageszentren mit Gedächtnistraining für Betroffene und auch viel Unterstützung im Bereich Betreuung von Demenzerkrankten, da die Erkrankung für Angehörige psychisch extrem belastend sein kann.

biallo.at: Wie können die Bedingungen für pflegende Angehörige erleichtert werden?

Fenninger: Rund 90 Prozent der Hilfs- und Pflegebedürftigen werden in Österreich in privaten Haushalten gepflegt. Davon wiederum der Großteil, nämlich 80 Prozent, von Familienangehörigen. Das bedeutet für die pflegenden Angehörigen - in den meisten Fällen Frauen - eine große Belastung. Viele Frauen sind vermehrt erwerbstätig und versuchen den Spagat zwischen Beruf und Pflege zu schaffen. Hier wäre es wichtig, gesetzliche Bestimmungen für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu schaffen.

biallo.at: Wie könnten diese aussehen?

Fenninger: Während es nach jahrelangen Forderungen im Bereich der Kinderbetreuung bereits gesetzliche Regelungen gibt, fehlen diese im Pflegebereich. Hier wäre ein rechtlicher Anspruch auf flexible Arbeitsmodelle nötig. Pflegende Angehörige müssen sich oft von einem Tag auf den anderen auf die Pflegenotwendigkeit einstellen. Eine gesetzliche Regelung zur Freistellung von zehn Tagen wäre dabei eine große Hilfe. Auch auf Unternehmensebene müssten Regelungen eingeführt werden, um eine solche Vereinbarkeit zu gewährleisten. Die Volkshilfe würdigt mit dem jährlich vergebenen Pflegepreis jene Unternehmen, die hier eine Vorreiterfunktion einnehmen.
Kurzbauer: Die Volkshilfe und pflegenetz vergeben jedes Jahr einen Pflegepreis an pflegende Angehörige, Ehrenamtliche und engagierte Unternehmen. 2011 hat beispielsweise die Steiermärkische Sparkasse gewonnen. Sie hat mit flexiblen Arbeitszeiten, Härtefonds und Hospizkarenz den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Bewältigung ihrer Pflegeaufgaben erheblich erleichtert. Maßnahmen dieser Art haben sich als optimales Instrument zur Mitarbeiterbindung herausgestellt.

biallo.at: Wie sieht der Pflegealltag aus?

Kurzbauer: Die Fälle sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von bettlegrigen Menschen, über jene Erkrankte, die Hilfe nur beim Einkaufen oder Frisörbesuch benötigen bis hin zu Demenzerkrankten, die häufig körperlich topfit sind.

biallo.at: Welche Reformen könnten eine Verbesserung bringen?

Fenninger: Zuerst möchte ich betonen, dass Pflege Karriere gemacht hat. Vor 15 Jahren hat noch niemand über dieses Thema geredet. Heute ist es Thema der öffentlichen Auseinandersetzung. Die Pflegearbeit, die in den Gemeinden im mobilen und stationären Bereich ausgeübt wird, ist angesehen - wenn auch leider unterbezahlt. Auch die Dienstleistungsangebote und die finanziellen Möglichkeiten sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Aber es gibt Ausbaubedarf.

biallo.at: Welche sind die wichtigsten Reformwünsche?

Fenninger: Die Pflege ist im Bereich Finanzierung und Durchführung auf neun Bundesländer aufgeteilt und unterschiedlich geregelt. Das sollte vereinheitlicht werden. Es ist zum Beispiel nicht einzusehen, warum Kostenbeiträge so stark variieren, dass eine Stunde im Burgenland 15 Euro mehr kostet als in Salzburg. Ein flächendeckender Ausbau und eine Harmonisierung wären wünschenswert.

Weiters wäre es wichtig, die Ausbildung zu reformieren und durchgängig zu machen. Der Gesundheits- und Sozialbereich wächst in Europa enorm. Die Zahl der Beschäftigten kann hier enorm gesteigert werden, wenn man bereit ist Geld zu investieren. Auch in der Finanzierung sollte sich etwas ändern. Alle reden vom Ausgabenproblem, aber das stimmt so nicht. Das Problem liegt bei den Einnahmen. Und natürlich ist es wichtig mobile, semistationäre und stationäre Betreuungseinrichtungen auszubauen. Die Qualität ist gut, die Quantität mangelhaft.

biallo.at: Was bieten semistationäre Einrichtungen?

Fenninger: Das sind Tageszentren, die es ermöglichen, dass der Patient zuhause wohnt, aber tagsüber Zeit in der Einrichtung verbringt. Hier wird vielfältiges Betreuungsprogramm geboten. Der Pflegebedürftige hat tagsüber die Möglichkeit, soziale Kontakte zu knüpfen und trotzdem in seiner gewohnten Umgebung wohnen zu bleiben. Tageszentren sind auch für eine stundenweise Unterbringung oder für die Dauer eines Urlaubs der pflegenden Angehörigen eine sinnvolle Einrichtung.

Die Volkshilfe Österreich...

wurde 1947 gegründet. Der unabhängige Verein zählt mit seinen Landesorganisationen zu den fünf größten Organisationen der Freien Wohlfahrt und ist in allen österreichischen Bundesländern vertreten. Neben der Armutsbekämpfung ist das wichtigste Thema die Pflege und Betreuung von alten und kranken Menschen und von Menschen mit Behinderungen. Der Pflegebereich macht rund 70 Prozent der Aktivitäten der Volkshilfe aus. Hier ist auch der Großteil der etwa 8.000 MitarbeiterInnen der Volkshilfe beschäftigt.

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