Saudi-Arabien als besonders großes Risiko
Zwar sind die politischen Verhältnisse in Saudi Arabien, Oman, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten stabiler als beispielsweise in Ägypten, dennoch ist ein Dominoeffekt nicht auszuschließen. Die latenten gesellschaftlichen Spannungen sollten nicht unterschätzt werden. Der steigende Ölpreis verstärkt den Unmut zunehmend und heizt die Teuerung weiter an. Gleiches gilt auch für zahlreiche andere Nationen (u.a. Indien und China) wo sich ebenfalls bereits erste Protestbewegungen formieren. Sollte die Produktion in Libyen bzw. Algerien nur kurzfristig ausfallen, so wäre die Reservekapazität Saudi Arabiens de facto erschöpft. Zudem ist libysches Öl schwefelärmer und leichter als saudisches Öl und kann somit keineswegs problemlos ersetzt werden.
Eines der größten Risiken für einen starken Anstieg des Ölpreises ist Saudi Arabien. Einerseits wird bezweifelt, dass sie im Falle des Falles ihre Produktionskapazitäten rasch ausweiten könnten, andererseits spitzt sich die innenpolitische Lage weiter zu. Sollte sich auch die Iran-Krise weiter verschärfen, so wäre eine temporäre Blockade der Straße von Hormuz (der wichtigste Transportweg für Öl) eine Bedrohung. Der Ölpreis würde in diesem Worst-Case-Szenario vermutlich auf mehr als 200 US-Dollar je Barrel ansteigen.
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Die weltweiten Stimuli seitens Regierungen und Notenbanken und die nahezu globale Nullzinspolitik verursachten 2010 eine Fortsetzung der Rohstoffpreisanstiege. Die künstlich herbeigeführte Konjunkturerholung sollte nicht mit gesundem, realem Wachstum verwechselt werden. Insofern dürfte die weitere Entwicklung des Ölpreises auch stark davon abhängen, ob ein drittes Quantitative Easing-Programm seitens der Fed implementiert wird. Die Fed hat mehrmals die positiven Effekte höherer Aktienkurse hervorgehoben.
Rohstoffe profitieren ebenso von der gestiegenen Risikobereitschaft
"Die extrem hohe positive Korrelation zwischen Aktienmarkt und Ölpreis lässt sich kaum mit herkömmlichen Angebot/Nachfrage-Mustern erklären. Geldpolitik dürfte mittlerweise der wichtigste Faktor für die Rohstoffmärkte sein", so Stöferle. Seitdem mit Quantitative Easing vor zwei Jahren begonnen wurde, gibt es eine 86-prozentige Korrelation zwischen Erweiterungen in der Bilanz der Fed und dem S&P 500. Zudem zeigen Vorwahljahre eine eindeutig positive Tendenz für den US-Aktienmarkt. Nachdem die Korrelation zwischen US-Aktien und Ölpreis heuer stärker denn je ist, sollte dies ein positives Umfeld für den Ölpreis bieten.
"Bei konventionellem Öl wird das Fördermaximum (Peak Oil) demnächst erreicht sein", meint Stöferle. "Es steht außer Frage, dass die Diskussion um Peak Oil mehr als reine Panikmache ist." Rund 64 Länder haben bereits ihr Fördermaximum erreicht. Die Tatsache, dass nun immer häufiger offizielle Institutionen wie z.B. die deutsche Bundeswehr, die Bank of England oder das amerikanische Verteidigungsministerium sich mit Studien zu Peak Oil beschäftigen, bestätigt die latente Bedrohung.
Abbau von Schiefergas gewinnt massiv an Bedeutung
Erdgas, und hier im Besonderen Schiefergas, wird nach Meinung der Erste Bank-Experten der am schnellsten wachsende fossile Energieträger der Zukunft sein. Aufgrund seiner chemischen Eigenschaften kann Erdgas Erdöl in zahlreichen Einsatzbereichen problemlos ersetzen. Da es außerdem noch sauberer verbrennt als Kohle oder Erdöl punktet es auch in Hinblick auf CO2 Obergrenzen. Auf Sicht der nächsten drei bis fünf Jahre sind Preise im Bereich von mindestens sieben bis zehn US-Dollar je mmBTU zu erwarten. Der Erdgas-Verbrauch wird manchmal auch in mmBTU (million British thermal units; mm kommt von tausend tausend) angegeben (1 mmBTU entspricht 26,4 Standard Kubikmeter Gas, basierend auf einem Energieinhalt von 40 Megajoule/m³).
"Der Abbau von Schiefergasvorkommen in Europa wird massiv an Bedeutung gewinnen", ist der Rohstoffexperte überzeugt. Insbesondere in Polen und in der Ukraine sind in den nächsten Jahren rege Explorations- und Akquisitionstätigkeiten zu erwarten. Auch China will den Gasanteil in der nächsten Dekade mehr als verdoppeln. Derzeit wird 80 Prozent des Energiebedarfs mit Kohle gedeckt, während Gas nur 1,0 Prozent abdeckt. Unkonventionelles Gas soll dabei eine wichtige Rolle spielen, bis 2020 soll es 30 Prozent des chinesischen Gasbedarfs abdecken. Insofern betrachtendie Erste Bank-Experten unkonventionelles Gas - und hier insbesondere Schiefergas - als eine der interessantesten Investmentmöglichkeiten im Energiebereich.
"Der hohe Ölpreis bedeutet definitiv eine Bedrohung für das Wirtschaftswachstum", meint Stöferle. Sobald der Preis pro Barrel Rohöl nachhaltig auf über 100 US-Dollar steigt, ist davon auszugehen, dass die OPEC die Förderung drastisch erhöhen wird, um die Konjunktur nicht abzuwürgen. "Wir sehen somit überwiegend Aufwärtsrisiken für den Ölpreis."
Ausbreitung des revolutionären Flächenbrand droht
Selbst wenn der Markt derzeit noch ausreichend versorgt ist, könnte sich der revolutionäre Flächenbrand weiter ausbreiten und den Ölpreis, speziell im ersten Halbjahr, auf neue Höchststände hieven. Die Experten des Erste Bank Researchs rechnen 2011 mit einem durchschnittlichen Preis von 124 US-Dollar je Barrel der Marke Brent.
Eine Daumenregel besagt, dass ein zehnprozentiger Preisanstieg des Ölpreises das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den USA um ca. 25 Basispunkte verringert. Laut IEA lag der Anteil der Ausgaben für Öl 2010 bei 4,1 Prozent des Welt-BIP. Sollte der Preis in 2011 nachhaltig über 100 US-Dollar steigen, so würde sich der Wert wohl auf knapp 5,0 Prozent steigern, was historisch gesehen ein kritisches Niveau für die Konjunktur darstellt. Bei einem Durchschnittspreis von 120 US-Dollar je Barrel Brent wären es 6,0 Prozent des BIP, bei 150 US-Dollar läge der Anteil sogar bei 7,5 Prozent des BIP. Da die OPEC die Konjunktur auf jeden Fall in Schwung halten will, ist bei einem derartigen Szenario davon auszugehen, dass sie die Förderung drastisch erhöht.
Der stark steigende Ölverbrauch innerhalb großer Förderländer verringert die Exportquoten stetig. Länder wie z.B. Venezuela, Norwegen, UK oder der Jemen dürften bei steigender Binnennachfrage ihr Fördermaximum bereits erreicht haben. Es scheint, als ob wir in einer zweistufigen Entwicklung stecken: Zu Beginn des jüngsten Aufwärtstrends wurden die rekordhohen Lagerbestände sukzessive abgebaut, jetzt sinken die Reservekapazitäten infolge deutlich gestiegener Nachfrage und der libyschen Lieferausfälle.
China bleibt Nachfragekaiser bei Erdöl
Wir nähern uns somit einer Entwicklung, die der des Jahres 2008 durchaus ähnelt, so Stöferle. Nachfragekaiser beim Öl bleibt weiterhin China. Der Öldurst der rund 1,3 Milliarden Chinesen wird - zwar mit etwas geringerer Dynamik - auch 2011 weiter steigen. Generell verlagert sich die Nachfrage sukzessive von West nach Ost: China fragte 2010 rund 800.000 Barrel pro Tag zusätzlich nach, der Nahe Osten verbrauchte 300.000 Barrel pro Tag mehr, während der die Nachfrage innerhalb der OECD stagniert.